Die Maxime der Evidenz
Ein Freund erzählt dir von Michael Newton. Ein Hypnosetherapeut, der in Reise der Seelen seine Klienten über ihre Geburt hinaus zurückgeführt hat, über ihren letzten Tod hinaus, in den Ort dazwischen.1 Sie berichten von einer Seelenwelt. Seelen kehren heim, treffen ihre Führer, ihre Seelengruppe, stehen vor einem Rat der Ältesten, wählen den nächsten Körper und das nächste Leben.2 Fall um Fall, und nach seiner Darstellung stimmen die Berichte auffällig überein.3
Der übliche Umgang damit ist Abwägen. Was spricht dafür? (Übereinstimmende Berichte, aufrichtige Menschen, ein ernsthafter Praktiker.) Was spricht dagegen? (Eine ebenso lange Liste.) Und dann streitet man über Newton, seine Methode, seine Klienten, und niemand ändert seine Meinung.
Ich will einen anderen Zug machen. Ich werde kein einziges Wort gegen Newton sagen, und auch keins gegen seine Klienten. Sie haben etwas erlebt. Daran zweifle ich nicht. Mich interessiert, was dieses Erleben tragen kann. Die Frage gilt für alle in diesem Post, mich eingeschlossen.
Was müsste ich sonst noch glauben?
Statt Stimmt diese Behauptung? frage:
- Wenn ich diese Art von Evidenz akzeptiere, was sollte ich dann sonst noch glauben?
- Wenn jemand anderes mit derselben Art von Evidenz kommt, was darf der behaupten?
Das ist Kants Zug, verpflanzt. Kant sagt: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.4 Man beurteilt nicht die einzelne Handlung, sondern die Regel dahinter, so als ob alle ihr folgten.
Also, die Maxime der Evidenz:
Glaube nur nach derjenigen Maxime der Evidenz, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz der Erkenntnis werde.
Die Evidenz ist hier nicht die Behauptung. Die Evidenz ist: eine lebhafte, bedeutungsvolle, emotional überwältigende Erfahrung, in einem besonderen Bewusstseinszustand (Hypnose, Gebet, Trance, Meditation, Nahtoderfahrung, eine Droge), deren Inhalt dann als Beschreibung der Wirklichkeit genommen wird.
Verallgemeinern wir das. Wer darf sonst noch etwas behaupten, wenn das eine legitime Quelle von Wissen ist:
| Wer | Erfahrung | Also |
|---|---|---|
| eine Christin | begegnet Jesus im Gebet | Jesus ist der auferstandene Sohn Gottes |
| ein Muslim | spürt die Gegenwart Allahs im Gebet | es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Gesandter |
| eine Vaishnava-Devotee | erlebt Krishna in der Bhakti | Krishna ist die "Höchste Persönlichkeit Gottes" |
| ein alter Grieche | das Orakel von Delphi spricht für Apollon | Zeus und die Olympier regieren die Welt |
| ein Schamane auf Ayahuasca | spricht mit dem Geist der Pflanze | Pflanzen haben Geister, die lehren |
| jemand auf DMT | trifft "self-transforming machine elves" | es gibt ein hyperdimensionales Elfenreich |
| ein Entführter, unter Hypnose | erinnert sich an Untersuchungen im Raumschiff | Außerirdische besuchen uns |
| ein Scientologe im Auditing | erinnert sich an Leben auf anderen Planeten | wir sind Thetanen (und, ab OT III, Xenu) |
| eine buddhistische Meditierende | durchschaut das Selbst | Wiedergeburt, aber keine Seele, die wandert |
| jemand um 4 Uhr nachts | ein Glitch, ein Déjà-vu, alles ist zu passend | wir leben in einer Simulation |
| Newtons Klient | erinnert sich an das Leben zwischen den Leben | Seelen wandern, durch eine Seelenwelt |
Die Zeilen, geprüft:5
Jede Zeile hat dieselbe Form. Dieselbe Art Erfahrung, derselbe Schritt von der Erfahrung zur Ontologie. Wenn die letzte Zeile legitim ist, sind es alle.
(Eine zwölfte Zeile kommt später. Sie ist die einzige, bei der die Wirklichkeit mitreden durfte, und sie ist nicht lustig.)
Möglichkeitssinn
Robert Musil hat im Mann ohne Eigenschaften ein Wort dafür. Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, sagt er, dann muss es auch einen Möglichkeitssinn geben.6 Und der ist:
die Fähigkeit […], alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.7
Der Wirklichkeitssinn fragt: Ist das so? Das ist die Frage, über die bei Newton alle streiten. Der Möglichkeitssinn fragt: Was könnte ebensogut sein?
Damit lässt sich die Maxime in einem Satz sagen:
Wenn X deine Evidenz ist, dann ist alles aus der Evidenzklasse X möglich.
Nicht wahr. Möglich. Die Tabelle ist dann keine Liste von Gegnern, die ich widerlegen müsste. Sie ist der Möglichkeitsraum, den diese Art von Evidenz aufspannt. Newtons Seelenwelt ist ein Punkt darin, Krishna ein anderer, Xenu ein dritter. Unter anderen Erwartungen hätte Newtons Klient ebensogut Jesus getroffen.
Klingt nach einem Wortspiel mit Musil. Ist es aber mehr? Ich glaube, es ist ein Zug von Popper und Deutsch. Beide parsen die Welt nicht in Tatsachen, sondern in Kontrafaktischem. Für Popper sind Naturgesetze Verbote: "the more they prohibit, the more they say."8 Eine Theorie, die nichts verbietet, sagt nichts. Deutsch will die Physik gleich ganz als Unterscheidung zwischen möglichen und unmöglichen Transformationen schreiben (Constructor Theory) und nennt kontrafaktische Aussagen "essential in science and everyday life".9
Und das ist der Test für Evidenz: Was verbietet sie? Die Evidenzklasse bedeutungsvolle Erfahrung im Ausnahmezustand verbietet nichts. Jede Zeile der Tabelle passt.
Sie können nicht alle wahr sein
Und jetzt ist das Problem offensichtlich, einfach indem man die Liste macht.
- Ein Leben, dann das Gericht (Mainstream-Christentum, Islam) vs. viele Leben (Reinkarnation).10
- Eine Seele, die reist (Newton) vs. gar kein Selbst, das reisen könnte (Mainstream-Buddhismus).11
- Ein Gott vs. viele Götter vs. keine Götter, aber Elfen vs. keine Götter, aber Aliens.
- Jesus ist Gottes Sohn (Christentum) vs. Jesus ist ein Prophet und ausdrücklich nicht Gottes Sohn (Islam).12
Die Erfahrungen unterscheiden sich nicht bloß im Detail, sie widersprechen einander. Aber die Evidenz ist jedes Mal von derselben Qualität. Das Gebet der Christin ist nicht weniger lebhaft als die Erinnerung des Hypnotisierten. Niemand in dieser Tabelle lügt.
Evidenz, die X und nicht-X gleich gut stützt, stützt keins von beiden.
Die Schlussfolgerung ist also nicht Newton liegt falsch. Die Schlussfolgerung ist:
Wenn der Muslim X sagt und die Christin nicht-X, beide auf Grundlage von Erfahrungen der Klasse Y, dann sind Erfahrungen der Klasse Y keine Grundlage für Wissen.
Die Erfahrungen sind echt. Das will ich unterstreichen: Sie sind real. Die Christin hat die Begegnung mit Jesus. Der Hypnotisierte hat die Erinnerung an die Seelenwelt. Das sind reale Datenpunkte, hervorragende Daten über die Psychologie: darüber, was Gehirne in Trance, im Gebet, unter Hypnose, am Rand des Todes tun. Sie sind keine Daten über den Aufbau der Welt außerhalb des Kopfes (Seelen, Götter, Elfen). Das macht sie nicht kleiner. Sie bleiben, was sie für die Erlebenden waren: bedeutungsvoll.
Wie kriegt man den Möglichkeitsraum klein?
Der Möglichkeitsraum der Evidenz ist riesig. Wie schränkt man ihn ein, ohne schon vorher zu wissen, was wahr ist?
Poppers Antwort: Man fragt nicht nach der Quelle. In Von den Quellen unseres Wissens und unserer Unwissenheit sagt er: Die Frage Woher weißt du das? ist die falsche Frage. Es gibt keine letzten, autoritativen Quellen. Nicht die Sinne, nicht die Vernunft, nicht die Tradition. (Und, ergänze ich: nicht die Bibel, nicht die Trance, nicht der Experte.)13 Jede Quelle ist als Anregung willkommen, und jede ist offen für Kritik. Statt Was ist deine Quelle? fragt man: Wie könnten wir herausfinden, dass du falsch liegst?14
Deutschs Antwort ist das schärfere Werkzeug (The Beginning of Infinity, Kapitel 1):15 gute Erklärungen sind schwer variierbar.
Der Mythos von Persephone, wie er heute meist nacherzählt wird (auch bei Deutsch), erklärt den Winter: Hades entführte sie, sie aß Granatapfelkerne, also muss sie jedes Jahr eine Zeit in der Unterwelt verbringen, und solange sie fort ist, lässt die Trauer ihrer Mutter Demeter die Erde kahl und kalt werden.16
Das Problem ist nicht bloß, dass die Geschichte falsch ist. Das Problem ist, dass sie leicht variierbar ist.17 Ersetze Persephone durch eine andere Göttin, den Granatapfel durch eine Feige, Trauer durch Zorn - der Winter ist genauso gut erklärt. Die Details leisten nichts. Nichts in der Erklärung wird durch das eingeschränkt, was sie erklären soll.
Vergleiche die Neigung der Erdachse. Ändere irgendein Detail und die Erklärung bricht. Und sie trifft, woran der Mythos scheitert: Wenn in Griechenland Winter ist, ist in Australien Sommer.18
Jetzt auf das Leben zwischen den Leben angewandt.
- Warum wandern Seelen? Warum nicht Herzen? Die alten Ägypter haben Verstand, Gedächtnis und Charakter ins Herz gelegt und es nach dem Tod gegen eine Feder gewogen.19 Es würde die Hypnoseberichte genauso gut erklären.
- Warum ein Rat der Ältesten? Warum nicht ein einzelner Richter, oder 42 Richter (auch Ägypten), oder keiner?20
- Warum eine Seele pro Person? Warum nicht sieben, oder eine Seele, die sich teilt?
- Warum eine Seelenwelt dazwischen? Warum nicht direkt in den nächsten Körper? Warum nicht Engel Christi, die einen empfangen? Warum nicht Hermes, der einen hinab zu Charons Fähre führt?21
Jedes Detail ließe sich austauschen, und die Erklärung würde die Berichte gleich gut erklären. Das ist das Zeichen. Wenn eine Erklärung jede Variante schlucken kann, ist sie nicht durch die Wirklichkeit eingeschränkt, sondern dadurch, was die Person (und die Person, die die Fragen stellt) erzählerisch plausibel findet. Und genau diese Varianz sehen wir in der Tabelle: Jede Tradition füllt die Leerstellen mit dem, was ihr vertraut ist.
Die Variation zwischen den Zeilen ist die Variation, die die Erklärung erlaubt.
Wie würde es aussehen, wenn ich mich irre?
Alice und Bob laufen durch die Wüste. In der Ferne liegt ein großer See. Bob sagt: "Das könnte eine Fata Morgana sein." Alice sagt: "Nein, das ist ein See. Man sieht ihn bis an die Ränder des Horizonts." Beide sehen Wasser.
Alice denkt: Eine Fata Morgana sieht nicht echt aus. Sie hätte denken sollen: Eine Fata Morgana sieht aus wie Wasser. Alice ist dumm und nicht demütig: Sie hält sich für einen schärferen Beobachter als alle, die je auf eine Fata Morgana hereingefallen sind. Bob ist der bessere Rationalist. Bob weiß: Die anderen waren nicht dumm. Sie sind auf eine Fata Morgana hereingefallen, also muss eine Fata Morgana wirklich wie Wasser aussehen. "Es sah aus wie ein See" ist kein Beleg für einen See.
Also frage: Wie würde es für jemanden aussehen, der sich irrt? Genau so. Lebhaft, echt, bedeutungsvoll, wirklicher als wirklich. Wenn die Erfahrung gleich aussähe, ob es den Gott gibt oder nicht, kann die Erfahrung nicht entscheiden, welches von beiden stimmt. Wenn ich einen Gott erfahre, ist die beste Erklärung meiner Erfahrung die Psychologie, nicht die Existenz eines Gottes.
Und das macht demütig. Rationalist zu sein heißt, die eigenen Überzeugungen updaten zu können. Dafür muss ich wissen, was für eine Kognition ich habe, wenn ich mich irre. Das ist die zentrale Frage: Was wäre meine Kognition, wenn ich mich irre? Ich würde Wasser sehen. Also: Wenn ich Wasser sehe, könnte es eine Fata Morgana sein. Dass ich etwas glaube, ist sogar genau das, was ich erwarten würde, wenn ich falsch liege.
So ist es von innen, etwas zu glauben: Man hat Erfahrungen, Erinnerungen, innere Zustände, die sagen, X ist wahr. Die Christin hat wirklich Erfahrungen, die ihr scheinbar sagen, dass Jesus existiert. Sie hat die Kognition von Evidenz. So fühlt sich Glauben von innen an, für jeden, auch für mich. Gesehen wird dasselbe, der Unterschied liegt darin, ob man die Möglichkeit mitdenkt. Das ist nicht bloß Reife oder Höflichkeit gegenüber Gläubigen. Es ist die Mechanik, wie man überhaupt Rationalist ist: Ohne zu wissen, wie sich der eigene Irrtum von innen anfühlt, hat man nichts, woran man ein Update festmachen kann. Wer es nicht verinnerlicht hat, hält Gläubige für Lügner oder für Dummköpfe, und die Erfahrung selbst ist weder gelogen noch dumm.
Ich kenne das aus meiner Klartraumpraxis. Dort habe ich gelernt, wie es sich im Traum anfühlt, etwas Psychotisches zu glauben. Es gibt, ich nenne sie post-luzide Träume, Träume, in denen man weiß, dass man träumt, und trotzdem glaubt, dass es reale Relevanz hat: dass es eine Traumpolizei gibt, dass es Dimensionen gibt, und dass einen Dämonen aus anderen Dimensionen im Traum besuchen. Das Wissen, dass man träumt, hat den Glauben nicht verhindert. Seitdem fällt es mir leichter, anderen zu glauben, dass sich etwas echt anfühlt. Ich war schon dort, nur mit anderem Inhalt.
Denk an einen Zaubertrick. Für den Getäuschten sieht er aus wie Magie. Genau darum geht es bei einem guten Trick. "Ich hab's mit eigenen Augen gesehen" ist kein Einwand gegen den Trick, sondern das, was der Zauberer entworfen hat. Wohlgemerkt: Hier täuscht niemand absichtlich. Beim Zaubertrick gibt es einen Zauberer, bei der Erfahrung macht das Gehirn es selbst, in bester Absicht. Bei mir genauso.
Und das ist der Teil, den ich am meisten mag: Die Erklärung des Tricks ist interessanter als Magie. "Magie" erklärt nichts; es ist die am leichtesten variierbare Erklärung überhaupt. Die echte Erklärung braucht Ablenkung, Aufmerksamkeit, Timing, jahrelanges Training und ein tiefes, praktisches Wissen darüber, wie Wahrnehmung funktioniert und wie sie versagt. Dort liegt die Tiefe.
Dasselbe gilt für den Gott im Gebet, die Seele in der Trance, den Elf auf DMT. Die Erklärung liegt in Psychologie und Neurowissenschaft: wie Gehirne Erfahrung aus Erwartung bauen, wie Aufmerksamkeit, Suggestion, Ritual und Übung formen, was wir fühlen. (Tanya Luhrmann beschreibt in When God Talks Back, wie evangelikale Christen Beten als Fertigkeit üben, bis Gott sich echt anfühlt.)22
"Das ist Psychologie" ist keine Abwertung. Es ist die schwierigere, tiefere, interessantere Erklärung. Und dass eine Erfahrung so entsteht, macht sie nicht weniger bedeutungsvoll. Ein Sonnenuntergang bleibt schön, auch wenn man die Optik kennt.
Aber die Berichte sind so übereinstimmend!
Das ist das am stärksten klingende Argument für jede Behauptung dieser Art. Klingt gut. Aber ist es das? Wenden wir denselben Zug darauf an: Wenn übereinstimmende Berichte gute Evidenz wären, was würden sie sonst noch beweisen?
Schau noch einmal auf die Tabelle. Jede Zeile ist übereinstimmend. Christen begegnen übereinstimmend Jesus, nicht Krishna. Vaishnavas begegnen übereinstimmend Krishna, nicht Jesus. DMT-Nutzer berichten von auffällig ähnlichen Wesen. Entführte berichten von auffällig ähnlichen Raumschiffen und Untersuchungen.5 Studien zu Sterbebettvisionen in den USA und in Indien (Osis und Haraldsson, At the Hour of Death) fanden in beiden dasselbe Grundmuster, "jemand kommt, um dich abzuholen", aber wer kommt, folgt der Kultur: Amerikaner sahen meist verstorbene Verwandte, Inder häufiger religiöse Gestalten, etwa die Boten Yamas.23 (Osis und Haraldsson selbst lesen den gemeinsamen Kern als Hinweis auf ein Jenseits. Aber einen gemeinsamen Kern würden auch gemeinsame menschliche Gehirne erzeugen.)
Wenn Übereinstimmung der Test wäre, würde jede Zeile bestehen, auch die, die einander widersprechen. Die Übereinstimmung gibt es innerhalb einer Tradition, die Unterschiede zwischen den Traditionen.
Also noch einmal die Frage: Wie würde es aussehen, wenn die Erfahrung von dem geformt wird, was der Erlebende mitbringt? Genau so. Eine gemeinsame Methode, gemeinsame Erwartungen und gemeinsame Erzähler reichen für Übereinstimmung, ohne dass es eine andere Welt braucht. Selbst bei hypnotischen Rückführungen folgen die "früheren Leben" dem, was man den Versuchspersonen vorher zu erwarten gesagt hatte (Spanos und Kollegen, 1991).24
Übereinstimmung zeigt, dass es eine gemeinsame Ursache gibt. Sie sagt nicht, welche. Um eine echte andere Welt von einem gemeinsamen Drehbuch zu unterscheiden, bräuchte man Übereinstimmung, die das Drehbuch nicht erklären kann: Details, die die Person nicht wissen konnte und die man hinterher überprüft, oder dieselben Berichte von Menschen, die das Drehbuch nie gehört haben. Das wäre schwer variierbare Evidenz. Übereinstimmung allein ist es nicht.
Die zwölfte Zeile
Die meisten Zeilen der Tabelle lassen sich nie überprüfen. Niemand kann die Seelenwelt oder das Elfenreich besuchen und mit einem Foto zurückkommen. Aber es gibt eine weitere Zeile mit derselben Art von Evidenz, bei der die Wirklichkeit doch mitreden durfte.
| Wer | Erfahrung | Also |
|---|---|---|
| eine Patientin in Therapie | erinnert sich, als Kind vergewaltigt worden zu sein | mein Vater hat mich vergewaltigt |
In den 80er- und 90er-Jahren führte die Therapie "wiedergefundener Erinnerungen", mit Techniken wie Hypnose, geführter Imagination und suggestiven Fragen, viele Menschen zu lebhaften, detailreichen, emotional überwältigenden Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in der Kindheit.25 Manche davon ließen sich überprüfen, und hatten nie stattgefunden.
- Beth Rutherfords kirchliche Beraterin brachte ihr bei, sich in Selbsthypnose und Trancezustände zu versetzen. Danach "erinnerte" sie sich, ihr Vater, ein Pfarrer, habe sie vergewaltigt, und sie habe eine Abtreibung mit einem Kleiderbügel erlitten. Eine gynäkologische Untersuchung zeigte später, dass sie noch Jungfrau war, und ihr Vater hatte eine Vasektomie.26 1996 zahlten die Kirche und die Beraterin in einem Vergleich 1 Million Dollar.
- Paul Ingram, von seinen Töchtern beschuldigt, "erinnerte" sich nach langen, suggestiven Verhören an den Missbrauch und gestand. Der Soziologe Richard Ofshe erfand dann eine Szene, die nie jemand behauptet hatte, erzählte Ingram davon, und Ingram kam mit einem detaillierten schriftlichen Geständnis zurück.27
- Im Labor, in einer kleinen Studie, brachten Elizabeth Loftus und Jacqueline Pickrell etwa ein Viertel ihrer Versuchspersonen dazu, sich zumindest teilweise daran zu erinnern, als Kind in einem Einkaufszentrum verloren gegangen zu sein. Es ist nie passiert.28
Um es klar zu sagen: Sexueller Missbrauch ist real und häufig, und die meisten Betroffenen haben sich immer daran erinnert.29 Manche vergessen und erinnern sich später. Unzuverlässig waren die Erinnerungen, die in der Therapie durch Suggestion entstanden. Um sie geht es hier nicht. Es geht um die Evidenzklasse. Diese Erinnerungen konnten sich genauso echt anfühlen wie die wahren: lebhaft, detailreich, emotional, voller Gewissheit. So übereinstimmend wie jeder Bericht in der Tabelle.30 Sie haben Familien zerstört.
Also: Wenn "Ich habe mich unter Hypnose daran erinnert" eine Quelle von Wissen wäre, dann wären auch diese Erinnerungen Wissen. Das eine Mal, als man diese Art von Evidenz an der Wirklichkeit messen konnte, hat die Wirklichkeit nein gesagt.
Der schlimmste Fall
Kants Maxime testet eine Regel, indem sie sie verallgemeinert: Könnte ich wollen, dass alle nach ihr handeln? Bei Evidenz gehe ich gern einen Schritt weiter und schaue direkt auf den schlimmsten Fall: Was ist das Schlimmste, das jemand mit dieser Art von Evidenz legitim behaupten könnte?
Im Bild des Möglichkeitssinns ist der schlimmste Fall der Rand des Möglichkeitsraums. Um zu wissen, wie groß der Raum ist, muss man nicht jeden Punkt besuchen. Es reicht, an den Rand zu gehen und zu schauen, was dort noch als legitim durchgeht.
Am Rand dieser Tabelle steht Xenu. Und dort steht Paul Ingram, der ein Verbrechen gestand, das sich ein Soziologe ausgedacht hatte, und dem es sich echt anfühlte. Diese Art von Evidenz legitimiert jeden Gott, jeden Heimatplaneten, jeden Widerspruch, und sie legitimiert die Familie, die an einer falschen Erinnerung zerbricht. Eine Evidenzklasse, deren Rand unbegrenzt ist, ist keine Evidenzklasse.
Was sage ich dem Freund?
Ehrlich: Ich weiß nicht, ob ich das gut hinkriege. Mein erster Reflex wäre, sofort die Liste zu machen. Das wäre schlecht. Besser, erst zu fragen. Wie war das? Was hat sich dadurch verändert? Ich will das wirklich wissen, die Erfahrung ist interessant.
Und dann eine Frage, die ich mir selbst genauso stelle: Wem würde diese Art von Evidenz sonst noch Recht geben? Nicht als Falle. Ich bin selbst neugierig, wo der Rand ist, und die Liste schreibt sich zu zweit besser.
Und wenn die Antwort lautet: "Aber für mich war es wahr." Dann ja. So fühlt sich Glauben von innen an, bei Newtons Klienten, bei der Christin, bei mir. Die Erfahrung hat stattgefunden. Ob die Welt auch so ist, ist die zweite Frage, und sie richtet sich nicht gegen die erste.
Ich weiß, wie sich das anfühlt, weil ich es selbst hatte: Ich habe an Jesus geglaubt. Dann habe ich mir auf Wikipedia die Entstehungsgeschichte von Religionsmythen angesehen, und mit einem Mal war es untergraben. Die bessere Erklärung war Geschichte: Mythen, Kultur.
Der Zug ist symmetrisch. Er gilt auch für mich. Ich hatte Erfahrungen in der Meditation, die sich wie Einsicht in das Wesen der Dinge anfühlten. Sie sind interessant, sie sagen mir etwas über mein Gehirn. Wenn ich daraus etwas Spirituelles retten will, muss es etwas sein, das Kritik übersteht (siehe Recovering Some Spiritual Concepts).
Dinge, die ich wirklich nicht weiß:
- Gibt es eine Erfahrung im Ausnahmezustand, die einer Behauptung doch Gewicht gibt? Welche Eigenschaft müsste sie haben (vorher unbekannte, prüfbare Details?), damit sie nicht in die Tabelle fällt?
- Wie sagt man das einem Menschen, den man mag, ohne die Erfahrung wegzunehmen? Dieser Post ist mein Versuch, und ich weiß nicht, ob er gelingt.
- Reicht Kritik, um den Möglichkeitsraum der Evidenz klein zu kriegen, oder fehlt etwas?
Erfahrungen der besonderen, bedeutungsvollen, überwältigenden Art können nicht die Grundlage einer Ontologie sein. Sie können vieles andere sein: Trost, Einsicht, Anlass für Fragen. Das ist der Satz, den ich mitnehme. Aber ist er stark genug, dass ich ihn gegen meine eigene beste Meditation halte?
Fußnoten:
Michael Newton, Hypnotherapeut, Journey of Souls (Llewellyn, 1994; dt. Reise der Seelen), 29 Fallstudien zur Rückführung ins "Leben zwischen den Leben". Wikipedia
Heimkehr, ein Hauptführer, Seelengruppen, ein Rat der Ältesten, Wahl des nächsten Lebens und Körpers: alles im Buch (geprüft an Zusammenfassungen). SuperSummary
Der Verlagstext spricht von "remarkable consistency" der Fälle; das ist Newtons eigene Darstellung. Verlagstext
Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, AA 4:421 (bei Kant "daß"). Grundlegung, Gutenberg
Christin: Nizänum; zur gefühlten Gegenwart im Gebet Luhrmann. Muslim: die Schahada. Vaishnava: "Supreme Personality of Godhead" ist die Formel von A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada (ISKCON). Delphi: die Pythia sprach für Apollon. Ayahuasca: "Pflanzen, die lehren" (Luna 1984). DMT: McKennas Formulierung; Davis et al. 2020 befragten 2.561 Menschen zu Begegnungen. Entführte: hypnotische Rückführung war Standard bei Hopkins, Mack und im Fall Hill (Clancy 2005). Scientology: frühere Leben im Auditing (Hubbard, Have You Lived Before This Life?, 1958), Xenu auf der vertraulichen Stufe OT III. Davis et al. 2020, Luna 1984, Hubbard 1958
Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Erstes Buch, Kapitel 4, wortgetreu. Projekt Gutenberg
Selbes Kapitel, wortgetreu. Im Roman ist es die Charakterisierung Ulrichs durch den Erzähler.
Popper, Logik der Forschung: Naturgesetze haben den Charakter von Verboten; "the more they prohibit, the more they say" (engl. Ausgabe). Deutsch knüpft daran an (§31 und §35, "what it forbids"). arXiv 2204.08413
Deutsch, "Constructor Theory", Synthese 190 (2013): Theorien als Dichotomie zwischen "possible and impossible physical transformations"; §2.13: "'Counterfactual' predictions of that kind seem to be essential in science and everyday life, and even in the idea of a law of physics." Konstruktortheorie ist ein Vorschlag, keine gesicherte Physik; die Verbindung zu Musil ist meine. arXiv 1210.7439
Der Mainstream-Buddhismus, v. a. Theravada, lehrt Wiedergeburt ohne beständiges Selbst; die Milindapañha erklärt die Kontinuität mit Wagen und Flamme ("weder derselbe noch ein anderer"). Minderheitsschulen weichen ab, etwa die Pudgalavāda mit ihrer fortbestehenden "Person". New World Encyclopedia: Anatta
Koran 4:171 ("der Messias, Jesus, Sohn der Maria, ein Gesandter Gottes … fern ist es von Ihm, einen Sohn zu haben") und 19:35; siehe auch 5:116 und 112:3. Koran 4:171
Vortrag an der British Academy 1960, Einleitung zu Conjectures and Refutations (dt. Vermutungen und Widerlegungen): "There are no ultimate sources of knowledge. Every source […] is welcome; and every source […] is open to critical examination." Bibel, Trance und Experte sind meine Ergänzungen. Text (PDF), getAbstract
Derselbe Aufsatz ("How can we hope to detect and eliminate error?"). Poppers Antwort: indem wir die Theorien anderer und unsere eigenen kritisieren. Poppers neun Thesen
The Beginning of Infinity (2011), Kapitel 1, "The Reach of Explanations". Zusammenfassung
Homerischer Demeter-Hymnos (ein Kern, ein Drittel des Jahres unten) und Ovid, Metamorphosen 5 (sieben Kerne, das halbe Jahr). Die antiken Texte nennen den Winter nicht; die Winter-Deutung ist die spätere Lesart. Manche Forscher setzen Persephones Abwesenheit in den griechischen Sommer, die Brache. Persephone, Sommer, nicht Winter
Deutsch: Die Details des Mythos sind beliebig, also lässt er sich sofort flicken, die Achsneigung nicht. Die konkreten Varianten sind meine Beispiele. Lesenotizen
Genau das nutzt Deutsch: gegenläufige Jahreszeiten auf beiden Halbkugeln. Ursachen der Jahreszeiten
Das Herz (ib) als Zentrum von Denken, Gefühl, Gedächtnis und moralischem Charakter; gewogen gegen die Feder der Maat in Totenbuch-Spruch 125. Die Ägypter kannten weitere Teile der Person (Ka, Ba, Name). Weighing of the heart
Totenbuch-Spruch 125: das "negative Sündenbekenntnis" vor 42 Beisitzer-Göttern in der Halle der beiden Wahrheiten. Assessors of Maat
Hermes führt die Seelen der Toten in der Odyssee 24. Charon setzt sie über den Acheron (griechische Quellen) oder den Styx (römische Dichter). Engel: Lk 16,22 und die Antiphon In paradisum ("ins Paradies mögen Engel dich geleiten"). Charon, In paradisum
T. M. Luhrmann, When God Talks Back (2012), Feldforschung bei Vineyard-Evangelikalen; in ihrem Experiment ließ ein Monat imaginatives Beten Gott präsenter wirken. Rezension
Osis und Haraldsson, At the Hour of Death: ein "kommt dich abholen"-Motiv in beiden Ländern (69 % USA, 79 % Indien); Amerikaner sahen meist verstorbene Verwandte, Inder häufiger religiöse Gestalten wie die Yamdoots. Psi Encyclopedia
Spanos et al. 1991, J. Personality and Social Psychology 61(2), 308–320.
Hypnose war eine Technik unter mehreren (auch geführte Imagination, suggestive Fragen, Natriumamytal). EBSCO-Überblick
Seattle Times, 1996: Beraterin Donna Strand brachte ihr ab 1992 in mindestens 64 Sitzungen Selbsthypnose bei; die Untersuchung 1995; ein Vergleich über 1 Million Dollar ohne Schuldeingeständnis. Seattle Times
Thurston County, 1988. Ofshes erfundener Vorwurf: Ingram habe Sohn und Tochter zum Sex miteinander gezwungen. Als man ihm sagte, es sei erfunden, sagte Ingram, es sei für ihn "just as real as anything else". Wikipedia
Loftus & Pickrell 1995: 6 von 24 Teilnehmern. Eine präregistrierte Replikation 2023 ("Lost in the mall again") erzeugte ebenfalls falsche Erinnerungen, seltener. Replikation
McNally, Remembering Trauma (2003). Williams 1994: Von Frauen mit dokumentiertem Missbrauch, die sich erinnerten, hatten 16 % ihn zeitweise vergessen. Geraerts et al. 2007: Spontan außerhalb der Therapie wiedergekehrte Erinnerungen ließen sich etwa so oft bestätigen wie durchgehende, in der Therapie wiedergefundene fast nie. Geraerts et al. 2007, Williams 1994
Loftus' Arbeiten zu "rich false memories": Eingepflanzte Erinnerungen können mit Gewissheit, Details und Gefühl einhergehen. Im Schnitt sind sie etwas weniger lebhaft als wahre, und nur ein Teil der Versuchspersonen bildet sie. APS: Loftus
Generiert von Claude im Auftrag von Benjamin Schwerdtner.